29. Juli 2026 um 23:18 Uhr
Fohlenaufzucht: Warum der richtige Zeitpunkt des Absetzens über das ganze Pferdeleben entscheiden kann

Was junge Pferde für einen gesunden Start wirklich brauchen

Fohlenaufzucht: Warum der richtige Zeitpunkt des Absetzens über das ganze Pferdeleben entscheiden kann

Von der ersten Milch bis zur ersten Trennung – neue Studien zeigen, warum ein zu frühes Absetzen weit mehr Folgen haben kann als bisher angenommen.

Von der ersten Milch bis zur ersten Trennung – neue Studien zeigen, warum ein zu frühes Absetzen weit mehr Folgen haben kann als bisher angenommen.

Ein Fohlen kommt als Lauftier zur Welt. Schon wenige Stunden nach der Geburt steht es auf den Beinen, sucht das Euter der Mutter und folgt ihr über die Weide. Für den Menschen wirkt dieses neugeborene Pferd erstaunlich selbstständig. Tatsächlich ist es biologisch jedoch hochgradig abhängig – nicht nur von der Milch der Stute, sondern vor allem von ihrer Nähe, ihrem Schutz und ihrer Erfahrung.

Die ersten Lebensmonate gehören zu den sensibelsten Entwicklungsphasen eines Pferdes. In dieser Zeit entstehen nicht nur Knochen, Muskeln und Sehnen. Ebenso entwickeln sich das Gehirn, das Immunsystem, das Sozialverhalten und die Fähigkeit, mit neuen Situationen umzugehen. Wie diese Phase gestaltet wird, beeinflusst das Pferd oft weit über das Fohlenalter hinaus.

Gerade deshalb rückt ein Thema immer stärker in den Fokus der Forschung: das Absetzen.

Lange wurde dieser Schritt vor allem unter praktischen Gesichtspunkten betrachtet. Kann das Fohlen selbstständig fressen? Soll die Stute wieder gedeckt werden? Ist Platz für neue Fohlen nötig? Heute stellen Verhaltensbiologen, Tierärzte und Tierschutzwissenschaftler eine andere Frage:

Was bedeutet das Absetzen eigentlich aus Sicht des Fohlens?
Die Antwort fällt deutlich komplexer aus als früher angenommen.

Mehr als das Ende der Milchzeit

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Absetzen häufig als Ende der Säugezeit verstanden. Tatsächlich verliert das Fohlen dabei aber wesentlich mehr als nur die Milch seiner Mutter.
Mit der Trennung verschwinden gleichzeitig:

Aus biologischer Sicht endet damit nicht nur eine Ernährungsbeziehung. Es endet eine der wichtigsten sozialen Bindungen im Leben eines jungen Pferdes. Diese Erkenntnis zieht sich heute durch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten der letzten zwanzig Jahre.

Die französische Ethologin Dr. Sandra Henry beschreibt das Absetzen deshalb als einen tiefgreifenden Einschnitt, bei dem mehrere Belastungen gleichzeitig auftreten:

Verlust der Mutter

Verlust der Milch

oftmals Stallwechsel

neue Fohlengruppe

neue Rangordnung

neue Fütterung

häufig Transport

häufig menschliche Eingriffe

Während jeder dieser Faktoren für sich bereits Stress verursachen kann, treffen sie in vielen Zuchtbetrieben innerhalb weniger Stunden zusammen. Henry bezeichnet das deshalb als einen der stärksten natürlichen Stressoren im frühen Leben eines Pferdes.

Quelle: Henry S. et al. (2020): Domestic Foal Weaning: Need for Re-Thinking Breeding Practices? Animals 10(2):361.
https://www.mdpi.com/2076-2615/10/2/361

Das natürliche Vorbild sieht ganz anders aus

Eine der interessantesten Fragen der modernen Verhaltensforschung lautet:
Wann würden Pferde ihre Fohlen eigentlich absetzen, wenn der Mensch nicht eingreift?

Um diese Frage zu beantworten, beobachteten Wissenschaftler über Jahre hinweg halbwild lebende Pferde sowie Hauspferde in stabilen Familienverbänden. Das Ergebnis überrascht viele Pferdehalter. Die meisten Fohlen hören nicht mit sechs Monaten auf zu trinken. Auch nicht mit sieben Monaten. In der Untersuchung von Henry und Kollegen lag das durchschnittliche natürliche Ende des Säugens bei rund neun bis zehn Monaten.

Einige Fohlen tranken sogar noch länger. Dabei vollzieht sich das natürliche Absetzen keineswegs abrupt. Die Stute reduziert das Säugen langsam über Wochen oder Monate. Das Fohlen verbringt immer mehr Zeit mit gleichaltrigen Spielkameraden. Es frisst zunehmend Gras und Heu. Es entfernt sich häufiger von der Mutter. Dennoch bleibt die soziale Bindung bestehen.

Bemerkenswert ist: Selbst nachdem viele Fohlen kaum noch Milch aufnehmen, suchen sie weiterhin regelmäßig die Nähe ihrer Mutter. Sie ruhen gemeinsam. Sie grasen nebeneinander. Sie nutzen die Stute als sozialen Orientierungspunkt.

Das zeigt deutlich: Das Ende der Milchaufnahme ist nicht das Ende der Mutter-Kind-Beziehung.

Quelle: Henry S. et al. (2020)
https://www.mdpi.com/2076-2615/10/2/361

Die Mutter ist das wichtigste Lehrbuch des Fohlens

Verhaltensforscher sprechen von sozialem Lernen. Kaum ein anderes Haustier lernt in den ersten Lebensmonaten so intensiv durch Beobachtung wie das Pferd.
Ein Fohlen beobachtet nahezu ständig:

Wie reagiert die Mutter auf unbekannte Menschen?
Wie reagiert die Mutter auf unbekannte Menschen?
Wie nähert sie sich anderen Pferden?
Wie nähert sie sich anderen Pferden?
Wann flüchtet sie?
Wann flüchtet sie?
Wann bleibt sie ruhig?
Wann bleibt sie ruhig?
Welche Pflanzen frisst sie?
Welche Pflanzen frisst sie?
Wo findet sie Wasser?
Wo findet sie Wasser?
Wie verhält sie sich gegenüber ranghöheren Pferden?
Wie verhält sie sich gegenüber ranghöheren Pferden?

Für den Menschen wirken viele dieser Situationen belanglos. Für das Fohlen bilden sie jedoch die Grundlage seines späteren Verhaltens. Die Mutter übernimmt dabei eine Funktion, die in der Entwicklungsbiologie als soziale Referenz bezeichnet wird. Das Jungtier orientiert sich am Verhalten einer vertrauten Bezugsperson, um neue Situationen einzuordnen.

Dieses Prinzip kennt man auch vom Menschen. Kinder schauen bei Unsicherheit häufig zuerst ihre Eltern an. Bleiben diese ruhig, sinkt meist auch die Angst des Kindes. Ganz ähnlich funktioniert es bei Pferden.

Die Mutter ist deshalb weit mehr als eine Milchquelle. Sie ist Sicherheit. Orientierung. Lehrmeisterin. Sozialpartner. Stressregulator.

Was passiert bei einer frühen Trennung?

Wird ein Fohlen plötzlich von seiner Mutter getrennt, fällt diese gesamte Sicherheitsstruktur innerhalb weniger Minuten weg. Die Folgen sind wissenschaftlich gut dokumentiert. Bereits in den ersten Stunden nach der Trennung zeigen viele Fohlen:

häufiges Wiehern

unruhiges Umherlaufen

Zaunlaufen

reduzierte Futteraufnahme

erhöhte Aufmerksamkeit

weniger Ruhephasen

vermehrtes Schwitzen

erhöhte Herzfrequenz

erhöhte Cortisolwerte

Dabei handelt es sich nicht um "Ungehorsam" oder "schlechte Erziehung". Es handelt sich um eine normale biologische Stressreaktion. Der Körper versucht, auf den plötzlichen Verlust seiner wichtigsten Bezugsperson zu reagieren. In mehreren Studien wurden Cortisolwerte gemessen, die mit anderen erheblichen Belastungssituationen vergleichbar waren. Gleichzeitig verändern sich Herzfrequenz, Aktivitätsniveau und verschiedene Stoffwechselparameter.

Die gute Nachricht lautet: Diese akute Stressreaktion nimmt meist innerhalb einiger Tage bis Wochen wieder ab. Die entscheidende wissenschaftliche Frage lautet heute jedoch:

Bleibt wirklich alles folgenlos?
Genau dieser Frage widmet sich die moderne Forschung der letzten Jahre.

Nicht jedes früh abgesetzte Fohlen entwickelt Probleme

An dieser Stelle ist wissenschaftliche Genauigkeit besonders wichtig. Es wäre falsch zu behaupten: Jedes Fohlen, das mit fünf Monaten abgesetzt wird, entwickelt später Verhaltensprobleme. Das zeigen die Studien ausdrücklich nicht. Ebenso falsch wäre aber die gegenteilige Behauptung: Das Alter spielt überhaupt keine Rolle. Auch das widerspricht der heutigen Evidenz. Vielmehr zeigt sich ein differenziertes Bild. Das Risiko steigt insbesondere dann deutlich an, wenn mehrere ungünstige Faktoren zusammentreffen:

sehr junges Alter

abrupte Trennung

Einzelhaltung

Stallwechsel

Transport

neue Fütterung

fehlender Kontakt zu erwachsenen Pferden

Bewegungsmangel

Je mehr dieser Faktoren gleichzeitig auftreten, desto stärker fallen Stressreaktionen und desto höher ist nach heutigem Kenntnisstand das Risiko für spätere Verhaltensauffälligkeiten. Deshalb plädieren immer mehr Verhaltensforscher dafür, den Zeitpunkt des Absetzens nicht ausschließlich nach organisatorischen oder wirtschaftlichen Kriterien festzulegen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die aktuelle Studienlage liefert keine starre gesetzliche Altersgrenze. Sie zeigt jedoch klar, dass ein zu frühes und abruptes Absetzen vermeidbare Belastungen verursacht. Aus tierschutzfachlicher Sicht sprechen die verfügbaren Daten dafür, Fohlen mindestens bis zum sechsten Lebensmonat bei der Mutter zu belassen. Gleichzeitig machen dieselben Studien deutlich, dass sechs Monate eher eine Untergrenze als der biologische Idealzeitpunkt sind. Unter natürlichen Bedingungen erfolgt das Ende der Säugezeit häufig erst zwischen acht und zehn Monaten.

Wer also das Ziel verfolgt, ausgeglichenen, sozial sicheren und langfristig belastbaren Nachwuchs aufzuziehen, sollte das Absetzen nicht möglichst früh, sondern so spät wie verantwortbar und so schonend wie möglich gestalten.

Was im Gehirn eines Fohlens während des Absetzens passiert

Die auffälligsten Reaktionen eines frisch abgesetzten Fohlens sind für jeden Pferdehalter sichtbar. Es ruft nach der Mutter, läuft am Zaun entlang, wirkt angespannt und frisst häufig zunächst schlechter. Was äußerlich wie ein verständlicher Protest aussieht, ist jedoch nur die Spitze eines komplexen biologischen Prozesses.

Im Körper des Fohlens werden innerhalb weniger Stunden zahlreiche Hormonsysteme aktiviert. Das Gehirn bewertet die plötzliche Trennung von der Mutter als Verlust einer lebenswichtigen Ressource. Evolutionsbiologisch ist diese Reaktion logisch: Für ein junges Fluchttier bedeutete die Trennung von der Mutter über Jahrtausende ein erheblich erhöhtes Risiko, Opfer von Raubtieren zu werden oder den Anschluss an die Herde zu verlieren. Deshalb reagiert der Organismus nicht mit Gelassenheit, sondern mit Alarm.

Die Stressachse läuft auf Hochtouren

Im Mittelpunkt steht die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse). Sie steuert die Ausschüttung von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon des Körpers.

Cortisol ist keineswegs grundsätzlich schädlich. Im Gegenteil: Es sorgt dafür, dass Energiereserven mobilisiert, Herzfrequenz und Aufmerksamkeit erhöht und der Körper kurzfristig leistungsfähiger wird. Problematisch wird Cortisol erst dann, wenn die Belastung sehr stark ist oder über längere Zeit anhält.

Mehrere Studien konnten zeigen, dass das Absetzen bei Fohlen zu einem deutlichen Anstieg der Cortisolkonzentration führt. Gleichzeitig verändern sich Herzfrequenz, Aktivitätsniveau und Ruheverhalten. Diese Reaktionen sind besonders ausgeprägt, wenn das Fohlen abrupt von der Mutter getrennt wird und gleichzeitig weitere Veränderungen wie Stallwechsel oder neue Gruppenzusammensetzungen erlebt.

Eine Pilotstudie der Veterinärmedizinischen Universität Wien verglich unterschiedliche Absetzverfahren. Die Forscher stellten fest, dass Fohlen nach der Trennung deutlich erhöhte Speichelcortisolwerte aufwiesen. Besonders interessant war jedoch eine zweite Beobachtung: Blieben die Jungtiere mit ruhigen, erwachsenen Begleitstuten zusammen, fielen die Stressreaktionen geringer aus und normalisierten sich schneller.

Die Schlussfolgerung der Autoren ist bemerkenswert: Nicht allein das Absetzen entscheidet über die Belastung, sondern vor allem die Art und Weise, wie dieser Übergang gestaltet wird.

Quelle: Erber R. et al. (Veterinärmedizinische Universität Wien): Behavioral and physiological responses of young horses to different weaning protocols.
https://www.vetmeduni.ac.at/fileadmin/v/oeuk/Magazin/Archiv/vetmed_2011_04_WEB.pdf

Stress verändert nicht nur das Verhalten

Noch vor wenigen Jahren konzentrierte sich die Forschung hauptsächlich auf sichtbare Reaktionen wie Wiehern oder Zaunlaufen. Inzwischen untersuchen Wissenschaftler zunehmend, was auf zellulärer Ebene geschieht.

Besonders aufsehenerregend war eine Studie der französischen Verhaltensforscherin Dr. Léa Lansade. Sie verglich Fohlen, die abrupt von ihren Müttern getrennt wurden, mit Fohlen, die bereits mehrere Wochen vor dem endgültigen Absetzen schrittweise an kurze Trennungen gewöhnt worden waren.

Die Unterschiede zeigten sich nicht nur im Verhalten. Die progressiv vorbereiteten Fohlen hatten niedrigere Cortisolwerte, waren neugieriger und reagierten gelassener auf neue Situationen. Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler Unterschiede bei der Aktivität verschiedener Gene sowie bei der Länge der Telomere.

Telomere sind Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Sie verkürzen sich im Laufe des Lebens und gelten als Marker für biologische Alterungsprozesse und chronische Belastungen. Die Interpretation dieser Ergebnisse erfordert zwar Vorsicht – die Studie war relativ klein –, sie zeigt jedoch, dass die Art des Absetzens weit über kurzfristige Verhaltensreaktionen hinausreichen kann.

Die Autoren sprechen deshalb von einer möglichen langfristigen biologischen Prägung durch frühe Belastungserfahrungen.

Quelle: Lansade L. et al. (2018): Progressive habituation to separation alleviates the negative effects of weaning in the mother and foal.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30005282/

Der Darm reagiert mit

Erst in den vergangenen Jahren wurde deutlich, wie eng Darm und Gehirn miteinander verbunden sind. Die sogenannte Darm-Hirn-Achse beeinflusst Immunabwehr, Stoffwechsel und sogar das Verhalten.

Das Absetzen stellt den Verdauungstrakt gleich mehrfach vor Herausforderungen. Einerseits entfällt die Muttermilch, andererseits ändern sich häufig Futterzusammensetzung, Fressrhythmus und soziale Umgebung. Gleichzeitig wirken Stresshormone direkt auf die Darmfunktion.

Forscher der französischen INRAE untersuchten deshalb die Darmflora von Fohlen während verschiedener Absetzverfahren. Sie konnten nachweisen, dass sich die Zusammensetzung der Darmmikrobiota nach dem Absetzen deutlich verändert. Besonders starke Veränderungen traten bei Fohlen auf, die unter höherem Stress standen.

Diese Ergebnisse sind aus mehreren Gründen interessant. Zum einen spielt eine stabile Darmflora eine wichtige Rolle für die Verdauung und das Immunsystem. Zum anderen gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass Veränderungen des Mikrobioms wiederum das Verhalten beeinflussen können.

Auch wenn viele Fragen noch offen sind, wird deutlich: Das Absetzen betrifft nicht nur Psyche und Verhalten, sondern den gesamten Organismus.

Quelle: Mach N. et al. (2017): The Effects of Weaning Methods on Gut Microbiota Composition and Horse Physiology.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5524898/

Warum manche Fohlen besser zurechtkommen als andere

Wer mehrere Fohlen aufgezogen hat, kennt das Phänomen: Während das eine Jungtier nach wenigen Tagen ruhig frisst und sich seiner Gruppe anschließt, reagiert ein anderes mit wochenlangem Zaunlaufen und ausgeprägter Unruhe. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein mit dem Charakter erklären. Die Forschung nennt mehrere Einflussfaktoren:

Alter beim Absetzen

Intensität der Mutter-Kind-Bindung

Temperament des Fohlens

Erfahrung mit kurzen Trennungen

Qualität der sozialen Gruppe

Haltungsform

Bewegungsmöglichkeiten

Fütterung

Anwesenheit erwachsener Pferde

Vor allem die soziale Umgebung scheint eine Schlüsselrolle zu spielen.

Studien von Sandra Henry und Martine Hausberger zeigen, dass Fohlen, die bereits vor dem Absetzen stabile Beziehungen zu anderen Pferden aufgebaut hatten, deutlich ruhiger auf die endgültige Trennung reagierten.

Das überrascht nicht. In freilebenden Pferdegruppen wächst ein Fohlen niemals isoliert mit seiner Mutter auf. Es entwickelt von Beginn an Beziehungen zu anderen Stuten, zu älteren Jungpferden und zu gleichaltrigen Spielkameraden.

Dadurch verliert es beim natürlichen Ende der Säugezeit zwar die Milch, aber nicht sein gesamtes soziales Netzwerk.

Die Gefahr stereotypen Verhaltens

Kaum ein Thema wird in der Pferdehaltung emotionaler diskutiert als sogenannte Stalluntugenden. Heute sprechen Verhaltensbiologen bewusst von stereotypen Verhaltensweisen, weil es sich nicht um Erziehungsfehler handelt, sondern um Hinweise auf Belastungen.

Zu den häufigsten gehören:

  • Koppen
  • Weben
  • Boxenlaufen
  • exzessives Holzbeißen
  • wiederholtes Lecken oder Kauen ohne funktionellen Zweck

Stereotypien entstehen multifaktoriell. Es gibt keine einzelne Ursache. Dennoch zeigt die Forschung, dass die Zeit rund um das Absetzen eine besonders sensible Phase ist.

Eine der bedeutendsten Langzeitstudien stammt von Waters, Nicol und French. Über vier Jahre begleiteten die Wissenschaftler junge Pferde und analysierten die Entstehung abnormaler Verhaltensweisen.

Das Ergebnis war eindeutig: Fohlen, die im Stall abgesetzt wurden, entwickelten deutlich häufiger stereotype oder umgelenkte Verhaltensweisen als Fohlen, die auf der Weide in einer geeigneten sozialen Umgebung blieben. Das relative Risiko war mehr als doppelt so hoch.

Die Autoren machten jedoch auch deutlich, dass nicht allein das Alter entscheidend ist. Vielmehr verstärken sich mehrere Risikofaktoren gegenseitig. Ein frühes Absetzen in Kombination mit Einzelhaltung, eingeschränkter Bewegung, wenig Raufutter und häufigem Stallaufenthalt stellt die ungünstigste Ausgangslage dar.

Quelle: Waters A.J., Nicol C.J., French N.P. (2002): Factors influencing the development of stereotypic and redirected behaviours in young horses.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12357996/

Was bedeutet das für Züchter?

Die moderne Verhaltensforschung fordert nicht, jedes Fohlen möglichst lange bei der Mutter zu belassen – unabhängig von Gesundheitszustand oder Haltungsbedingungen. Sie zeigt jedoch sehr deutlich, dass das Absetzen nicht als rein organisatorischer Schritt betrachtet werden darf.

Ein Fohlen ist mit sechs Monaten oft ernährungsphysiologisch in der Lage, ohne Muttermilch auszukommen. Sozial und emotional befindet es sich jedoch weiterhin in einer intensiven Lernphase.

Je länger dieser Prozess in einer stabilen Mutter-Kind-Beziehung und einer funktionierenden Herde stattfinden kann, desto größer ist die Chance, dass das junge Pferd wichtige soziale Kompetenzen entwickelt, Belastungen gelassener verarbeitet und sich zu einem ausgeglichenen Reit- oder Zuchtpferd entwickelt.

Wer Pferde nicht nur züchtet, sondern sie langfristig gesund, belastbar und nervenstark aufwachsen sehen möchte, sollte deshalb nicht fragen: „Wie früh kann ich absetzen?“, sondern „Wie spät ist unter meinen Bedingungen verantwortbar?“

Genau diese Perspektive wird von einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Arbeiten unterstützt.

Welcher Zeitpunkt ist der richtige? Was Forschung und Praxis heute empfehlen

Kaum eine Frage wird unter Züchtern so kontrovers diskutiert wie der richtige Zeitpunkt des Absetzens. Während in vielen Sportpferde- und Quarter-Horse-Zuchten das Absetzen zwischen dem fünften und sechsten Lebensmonat üblich ist, argumentieren Verhaltensbiologen seit Jahren, dass diese Praxis in erster Linie historischen und wirtschaftlichen Überlegungen folgt – nicht der natürlichen und besten Entwicklung des Fohlens.

Der Grund dafür liegt weniger in einer einzelnen Altersgrenze als in der Frage, welche Bedürfnisse ein Fohlen in dieser Lebensphase tatsächlich hat.

Warum wird überhaupt so früh abgesetzt?

Die heute in vielen Betrieben übliche Praxis entstand vor allem aus züchterischen Gründen. Frühes Absetzen ermöglicht es,

  • die Stute körperlich zu entlasten,
  • sie auf die nächste Geburt vorzubereiten,
  • Fohlen früher zu vermarkten,
  • Junghengste früher getrennt aufzuziehen,
  • die Fütterung gezielt zu steuern.

Diese Gründe sind aus betrieblicher Sicht nachvollziehbar.

Aus Sicht des Fohlens stellen sie jedoch keinen biologischen Vorteil dar. Im Gegenteil: Die Forschung zeigt zunehmend, dass sich wirtschaftliche Interessen und die Bedürfnisse des Jungtieres nicht immer decken.

Die renommierte französische Verhaltensforscherin Prof. Martine Hausberger weist seit Jahren darauf hin, dass moderne Pferdehaltung häufig an den Bedürfnissen erwachsener Pferde ausgerichtet ist, während die Entwicklung des Sozialverhaltens junger Pferde deutlich weniger berücksichtigt wird.

Sechs Monate sind keine Idealgrenze – sondern eine Untergrenze

Ein Missverständnis begegnet einem in der Praxis immer wieder. Viele Pferdehalter glauben: "Wenn ein Fohlen sechs Monate alt ist, ist es vollständig bereit für das Absetzen." Genau das sagt die Wissenschaft nicht.

Vielmehr ergibt sich folgendes Bild:

unter natürlichen Bedingungen endet das Säugen meist zwischen acht und zehn Monaten, teilweise sogar erst später,

die soziale Bindung zwischen Mutter und Jungtier bleibt häufig noch wesentlich länger bestehen.

Deshalb betrachten viele Ethologen sechs Monate nicht als biologisches Ziel, sondern eher als frühest vertretbare Grenze, wenn das Fohlen gesund entwickelt ist und optimale Haltungsbedingungen vorliegen.

Dr. Sandra Henry formuliert dies in ihrer Übersichtsarbeit deutlich: Das derzeit in vielen Zuchten übliche frühe Absetzen entspricht nicht dem natürlichen Ablauf der Mutter-Kind-Beziehung. (Henry et al., 2020)

Was sagen die großen Fachorganisationen?

Die American Association of Equine Practitioners (AAEP) macht bewusst keine starre Altersvorgabe. Sie empfiehlt stattdessen, den Entwicklungsstand des einzelnen Fohlens zu berücksichtigen und unnötigen Stress zu vermeiden.

Ebenso betont die British Equine Veterinary Association (BEVA), dass beim Absetzen möglichst wenige Belastungsfaktoren gleichzeitig auftreten sollten. Auch die International Society for Equitation Science (ISES) weist darauf hin, dass frühe soziale Erfahrungen entscheidend für das spätere Verhalten des Pferdes sind. Keine dieser Fachgesellschaften fordert pauschal ein Absetzen mit fünf oder sechs Monaten.

Vielmehr ziehen sich drei Empfehlungen durch nahezu alle Leitlinien:

möglichst spät absetzen

möglichst schrittweise

möglichst in einer stabilen sozialen Gruppe

Deutschland: Was schreibt das Recht vor?

Anders als häufig behauptet, enthält das deutsche Tierschutzgesetz keine ausdrückliche Altersgrenze für das Absetzen von Fohlen. Maßgeblich ist § 2 TierSchG. Dort heißt es: Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.

Außerdem darf die Möglichkeit zu artgemäßer Bewegung nicht so eingeschränkt werden, dass Schmerzen oder vermeidbare Leiden entstehen. Bereits diese Formulierung ist für das Thema Absetzen von großer Bedeutung. Denn die moderne Verhaltensforschung zeigt eindeutig:

Zum arttypischen Verhalten eines Fohlens gehören

  • die Mutter-Kind-Bindung,
  • Sozialkontakt,
  • Spiel,
  • Bewegung,
  • Lernen in der Herde.

Je früher diese natürlichen Bedürfnisse eingeschränkt werden, desto sorgfältiger muss begründet werden, warum dies im konkreten Einzelfall notwendig ist.

Quelle: Deutsches Tierschutzgesetz
https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/

Die BMEL-Leitlinien

Noch konkreter werden die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Sie besitzen zwar keinen Gesetzescharakter, gelten jedoch als maßgebliche fachliche Auslegung des Tierschutzgesetzes.

Die Leitlinien betonen unter anderem:

  • Pferde sind hoch soziale Herdentiere.
  • Sozialkontakte sind unverzichtbar.
  • Jungpferde sollen in Gruppen aufwachsen.
  • Die Entwicklung natürlichen Sozialverhaltens muss ermöglicht werden.

Gerade diese Aussagen stützen die Forderung nach einem möglichst schonenden und nicht unnötig frühen Absetzen.

Quelle: BMEL Leitlinien Pferdehaltung
https://www.bmel.de

Österreich

Auch das österreichische Tierschutzgesetz enthält keine starre Altersgrenze für das Absetzen. Allerdings formuliert § 13 klar: Niemand darf einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst zufügen. Die 1. Tierhaltungsverordnung ergänzt dies durch detaillierte Mindestanforderungen an Haltung, Bewegung, Gruppenhaltung und Platzangebot.

Gerade weil Pferde ausdrücklich als soziale Herdentiere betrachtet werden, muss jede Haltungsmaßnahme auch unter diesem Gesichtspunkt bewertet werden. Ein routinemäßiges Absetzen allein aus organisatorischen Gründen lässt sich deshalb aus tierschutzfachlicher Sicht zunehmend kritisch betrachten, wenn dadurch vermeidbare Belastungen entstehen.

Quellen: Österreichisches Tierschutzgesetz
https://www.ris.bka.gv.at

Schweiz

Die Schweiz gilt im europäischen Vergleich als besonders fortschrittlich im Bereich des Tierschutzes. Die Tierschutzverordnung (TSchV) enthält zahlreiche spezielle Regelungen für Equiden.

Besonders hervorzuheben sind:

  • Junge Pferde sollen in Gruppen gehalten werden.
  • Sozialkontakte sind verpflichtend.
  • Die Haltung muss den natürlichen Bedürfnissen der Tiere entsprechen.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfiehlt ausdrücklich die Aufzucht in gemischtaltrigen Gruppen und hebt hervor, dass junge Pferde von erwachsenen Artgenossen lernen.

Damit decken sich die Schweizer Empfehlungen nahezu vollständig mit den Ergebnissen moderner Verhaltensforschung.

Quellen: Tierschutzverordnung Schweiz
https://www.fedlex.admin.ch

BLV Pferdehaltung
https://www.blv.admin.ch

Warum erwachsene Pferde so wichtig sind

Ein Aspekt wird in der Praxis häufig unterschätzt. Viele Fohlen wachsen nach dem Absetzen ausschließlich mit Gleichaltrigen auf. Auf den ersten Blick scheint das sinnvoll. Schließlich spielen Fohlen am liebsten miteinander. Doch Spiel ersetzt keine Erziehung.

In freilebenden Herden übernehmen erwachsene Pferde eine zentrale Rolle.

Sie

  • setzen Grenzen,
  • beenden Konflikte,
  • regulieren Spiel,
  • vermitteln Sicherheit,
  • führen die Herde.

Studien zeigen, dass Fohlen, die nach dem Absetzen zusammen mit ruhigen erwachsenen Pferden gehalten werden, weniger Stress zeigen und schneller normales Verhalten aufnehmen.
Ein souveränes älteres Pferd kann deshalb den Verlust der Mutter zwar nicht ersetzen, ihn aber deutlich abmildern.

Das häufigste Missverständnis

Immer wieder hört man den Satz: "Mein Fohlen hat nach drei Tagen nicht mehr nach der Mutter gerufen." Für Verhaltensforscher ist das jedoch kein Beweis für ein gelungenes Absetzen. Ein Rückgang des Rufverhaltens bedeutet zunächst lediglich, dass das akute Suchverhalten beendet wurde.

Ob das Tier

  • weiterhin erhöhten Stress erlebt,
  • sich sozial sicher entwickelt,
  • später stereotype Verhaltensweisen entwickelt,
  • neue Situationen gelassen bewältigt,

lässt sich daraus nicht ableiten.

Gerade deshalb betrachten moderne Studien nicht mehr nur das Verhalten der ersten Tage, sondern verfolgen die Tiere teilweise über Monate oder sogar Jahre.

Die zentrale Erkenntnis der letzten zwanzig Jahre

Wenn man die heutige wissenschaftliche Literatur zusammenfasst, ergibt sich ein erstaunlich klares Bild. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass ein möglichst frühes Absetzen Vorteile für das Fohlen bringt.

Dagegen finden sich zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass

  • schrittweises Absetzen besser ist als abruptes,
  • stabile soziale Gruppen Stress reduzieren,
  • erwachsene Begleitpferde helfen,
  • freie Bewegung wichtig ist,
  • eine vertraute Umgebung Vorteile bringt,
  • unnötig frühes Absetzen zusätzliche Risiken birgt.

Die Frage lautet deshalb heute nicht mehr: Kann ein Fohlen mit fünf Monaten überleben? Natürlich kann es das.

Die wissenschaftlich viel wichtigere Frage lautet:
Unter welchen Bedingungen entwickelt es sich zum gesündesten, sozial sichersten und nervenstärksten Pferd?

Immer mehr Forschungsergebnisse führen dabei zu derselben Schlussfolgerung:

Ein Fohlen sollte nicht so früh wie möglich von seiner Mutter getrennt werden. Sondern erst dann, wenn seine körperliche, soziale und emotionale Entwicklung diesen Schritt tatsächlich trägt – und wenn die Trennung so vorbereitet wird, dass vermeidbarer Stress gar nicht erst entsteht.

Für verantwortungsvolle Züchter bedeutet das einen Perspektivenwechsel. Nicht die frühestmögliche Trennung sollte das Ziel sein. Sondern die bestmögliche Entwicklung des Pferdes.

Gute Aufzucht beginnt lange vor dem Absetzen

Wer sich intensiv mit den wissenschaftlichen Arbeiten der vergangenen zwanzig Jahre beschäftigt, erkennt schnell ein gemeinsames Muster. Die entscheidende Frage lautet nicht, wann ein Fohlen von seiner Mutter getrennt wird, sondern wie gut es auf diesen Schritt vorbereitet wurde.

Ein Fohlen, das bis zum sechsten oder siebten Lebensmonat in einer stabilen Herde lebt, regelmäßig mit gleichaltrigen Pferden spielt, Kontakt zu ruhigen erwachsenen Tieren hat und schrittweise Selbstständigkeit entwickeln durfte, startet mit deutlich besseren Voraussetzungen in diese neue Lebensphase als ein Jungtier, das ohne Vorbereitung abrupt aus seiner vertrauten Umgebung gerissen wird.

Verhaltensforscher sprechen deshalb heute weniger vom "Absetzen", sondern vielmehr von einem Übergang in die Selbstständigkeit. Genau dieser Übergang entscheidet darüber, ob das Fohlen die Veränderung als bewältigbare Herausforderung erlebt oder als massiven Verlust.

Was gute Zucht von guter Aufzucht unterscheidet

Moderne Pferdezucht investiert enorme Summen in Genetik. Pedigrees werden analysiert. Leistungsprüfungen ausgewertet. Genomtests durchgeführt. Und all das heutzutage auch meist mit aufwendigen Reels und Social Media Marketing in die Welt posaunt.

Doch die beste Abstammung (und Marketing) nützt wenig, wenn die Aufzucht den Bedürfnissen des Jungpferdes nicht gerecht wird.

Immer mehr Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Umwelt und frühe Erfahrungen einen erheblichen Einfluss auf die spätere Entwicklung haben. Prof. Sue McDonnell von der University of Pennsylvania beschreibt die Mutter-Kind-Bindung als eine der wichtigsten Grundlagen für die normale Entwicklung eines Fohlens. In ihrer Übersichtsarbeit betont sie, dass Probleme der Mutter-Fohlen-Beziehung in naturnahen sozialen Gruppen ausgesprochen selten sind. Schwierigkeiten entstehen deutlich häufiger unter Haltungsbedingungen, die den natürlichen Bedürfnissen der Tiere nicht entsprechen.

Ihre Schlussfolgerung ist eindeutig: Managementformen, die das natürliche Verhalten möglichst gut berücksichtigen, unterstützen die Entwicklung gesunder und sozial sicherer Jungpferde.

Was ein Fohlen in den ersten sechs Monaten lernt

Für viele Menschen beginnt die Ausbildung eines Pferdes erst mit Halfter, Führstrick oder Longiergurt. Aus Sicht der Ethologie beginnt sie jedoch unmittelbar nach der Geburt.
Jeden Tag sammelt das Fohlen Erfahrungen.

Es lernt,

  • Körpersprache anderer Pferde zu lesen,
  • Rangordnungen zu verstehen,
  • Konflikten auszuweichen,
  • Spiel zu regulieren,
  • Entfernungen zur Mutter einzuschätzen,
  • Umweltreize richtig einzuordnen,
  • Vertrauen in bekannte Situationen aufzubauen.

Diese Lernprozesse erfolgen nahezu ausschließlich über Beobachtung und soziale Interaktion. Sie lassen sich später nur eingeschränkt nachholen.

Ein Pferd, das diese Erfahrungen in einer funktionierenden Herde sammeln durfte, bringt häufig genau jene Eigenschaften mit, die Reiter später schätzen:

  • Gelassenheit
  • Sozialkompetenz
  • Lernbereitschaft
  • Frustrationstoleranz
  • emotionale Stabilität

Selbstständigkeit entsteht nicht durch frühe Trennung

Eines der hartnäckigsten Argumente für frühes Absetzen lautet: "Das Fohlen soll möglichst früh selbstständig werden." Auf den ersten Blick klingt diese Aussage plausibel.

Die Entwicklungsbiologie beschreibt jedoch genau den gegenteiligen Zusammenhang. Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass Sicherheit möglichst früh entzogen wird. Sie entsteht dadurch, dass ein Jungtier eine sichere Basis besitzt, von der aus es seine Umwelt erkunden kann.

Dieses Prinzip wird in der Verhaltensforschung als Secure Base Effect beschrieben. Beim Menschen ist dieser Zusammenhang seit Jahrzehnten gut untersucht. Auch bei Pferden zeigen sich vergleichbare Mechanismen. Fohlen entfernen sich mit zunehmendem Alter immer häufiger freiwillig von ihrer Mutter. Sie spielen mit Gleichaltrigen. Erkunden ihre Umgebung.
Sie kehren anschließend wieder zur Stute zurück. Diese freiwillige Pendelbewegung zwischen Exploration und Sicherheit bildet die Grundlage gesunder Selbstständigkeit.
Ein abruptes Absetzen unterbricht diesen Prozess.

Deshalb empfehlen viele Ethologen heute, Selbstständigkeit vor dem endgültigen Absetzen gezielt zu fördern. Dazu gehören kurze Trennungen, eigenständige Futteraufnahme und stabile Beziehungen zu anderen Pferden.

Warum ein späteres Absetzen häufig auch wirtschaftlich sinnvoll ist

Viele Züchter befürchten, dass ein längeres Zusammenbleiben von Stute und Fohlen Nachteile mit sich bringt. Die wissenschaftliche Literatur liefert dafür erstaunlich wenig Hinweise. Demgegenüber stehen mehrere potenzielle Vorteile eines gut vorbereiteten, späteren Absetzens:

  • geringere Verletzungsgefahr durch panisches Zaunlaufen,
  • weniger Gewichtsverlust unmittelbar nach der Trennung,
  • bessere Futteraufnahme,
  • geringerer Stress,
  • stabilere soziale Entwicklung,
  • geringeres Risiko für stereotype Verhaltensweisen,
  • häufig unkompliziertere spätere Ausbildung.

Die Übersichtsarbeit von Waran und Kollegen fasst deshalb zusammen, dass möglichst viele Stressfaktoren rund um das Absetzen reduziert werden sollten. Besonders günstig erscheinen schrittweise Verfahren, eine faserreiche Fütterung, Weidehaltung sowie der Erhalt sozialer Kontakte zu anderen Pferden.

Das häufigste Problem ist nicht das Alter allein

Immer wieder wird die Diskussion auf eine einzige Zahl reduziert. Fünf Monate. Sechs Monate. Acht Monate. Tatsächlich entscheidet aber nicht ausschließlich das Geburtsdatum.

Ein sechs Monate altes Fohlen kann erheblich belastet werden, wenn es

  • am selben Tag transportiert wird,
  • seine gesamte Herde verliert,
  • in Einzelhaltung kommt,
  • eine völlig neue Fütterung erhält,
  • gleichzeitig kastriert oder medizinisch behandelt wird.

Umgekehrt kann ein etwas jüngeres Fohlen unter außergewöhnlichen Umständen besser mit einer Trennung zurechtkommen, wenn

  • gesundheitliche Gründe dies notwendig machen,
  • eine Ammenstute vorhanden ist,
  • vertraute Pferde bleiben,
  • keine weiteren Veränderungen erfolgen.

Das Alter ist also ein wichtiger Faktor – aber niemals der einzige. Gerade deshalb warnen Wissenschaftler davor, starre betriebliche Routinen über das individuelle Wohl des Fohlens zu stellen.

Wann ein früheres Absetzen gerechtfertigt sein kann

So eindeutig die wissenschaftliche Richtung ist, so wichtig ist auch die Differenzierung. Es gibt leider Situationen, in denen ein früheres Absetzen tierschutzfachlich sinnvoll oder sogar notwendig sein kann.

Dazu gehören beispielsweise:

  • schwere Erkrankung der Stute,
  • lebensbedrohliche Stoffwechselprobleme,
  • unzureichende Milchleistung,
  • massive Abmagerung der Mutter,
  • schwere Verletzungen,
  • Tod der Stute,
  • gefährliches Verhalten der Mutter gegenüber dem Fohlen.

In solchen Fällen steht nicht die Frage im Mittelpunkt, ob das Absetzen ideal ist. Es geht vielmehr darum, unter schwierigen Bedingungen die beste Lösung für beide Tiere zu finden.
Auch hier gilt jedoch: Je früher die Trennung erfolgt, desto wichtiger werden eine intensive Betreuung, geeignete Sozialpartner und ein sorgfältiges Management.

Eine Investition in das ganze Pferdeleben

Die moderne Pferdezucht investiert viel Zeit in Deckhengste, Embryotransfer, Leistungsblutlinien und Genetik. All das prägt das spätere Pferd. Ebenso prägend sind jedoch die ersten Lebensmonate.

Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass diese Phase weit mehr beeinflusst als das Wachstum. Sie legt Grundlagen für Sozialverhalten, Stressbewältigung, Lernfähigkeit und emotionale Stabilität.

Vielleicht lässt sich die wichtigste Erkenntnis der vergangenen zwanzig Jahre deshalb in einem einzigen Satz zusammenfassen:

Ein Fohlen braucht nicht möglichst wenig Mutter – sondern möglichst viel gute Aufzucht.

Wer Pferde liebt, wer sie nicht nur verkaufen, sondern gesund, ausgeglichen und leistungsfähig ins Erwachsenenleben begleiten möchte, sollte das Absetzen deshalb nicht als organisatorischen Termin betrachten.

Sondern als einen der wichtigsten Entwicklungsschritte im gesamten Pferdeleben. Nicht möglichst früh. Nicht möglichst bequem. Sondern so spät wie verantwortbar, so gut vorbereitet wie möglich und immer mit Blick auf das, was wissenschaftlich heute eindeutig belegt ist:

Eine stabile Mutter-Kind-Beziehung, Sozialkontakt, freie Bewegung und ein schonend gestalteter Übergang in die Selbstständigkeit sind keine Nebensächlichkeiten der Aufzucht – sie gehören zu ihren wichtigsten Bausteinen.

Die zehn wichtigsten Regeln für ein pferdegerechtes Absetzen

Nach der Auswertung der wissenschaftlichen Literatur fällt auf, dass sich die Empfehlungen internationaler Forscher erstaunlich wenig unterscheiden. Ob Arbeiten aus Frankreich, Großbritannien, den USA, Deutschland oder Österreich – immer wieder tauchen dieselben Grundprinzipien auf.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Fohlen abzusetzen. Es gibt jedoch nur wenige Methoden, die nach heutigem Kenntnisstand tatsächlich dem Wohl der Tiere dienen.

1. Nicht früher absetzen, nur weil es üblich ist

Die traditionelle Praxis vieler Zuchtbetriebe orientiert sich häufig am Kalender oder an betrieblichen Abläufen. Aus biologischer Sicht ergibt das wenig Sinn. Jedes Fohlen entwickelt sich unterschiedlich. Ein robustes Warmblutfohlen wächst anders heran als ein Vollblüter oder ein kleines Ponyfohlen. Hinzu kommen Unterschiede in Fütterung, Haltung, Gesundheitszustand und Temperament.

Deshalb empfehlen Wissenschaftler zunehmend, den Entwicklungsstand des einzelnen Fohlens stärker zu berücksichtigen als ein fixes Datum. Unter natürlichen Bedingungen erfolgt das Abstillen meist erst im Alter von neun bis zehn Monaten.

2. Mehrere Belastungen niemals kombinieren

Der größte Fehler besteht häufig nicht im Absetzen selbst. Sondern darin, alles gleichzeitig zu verändern.

Ein typisches Beispiel:

  • Montagmorgen.
  • Das Fohlen wird von der Mutter getrennt.
  • Anschließend verladen.
  • In einen neuen Stall gebracht.
  • Mit unbekannten Pferden zusammengestellt.
  • Auf neues Futter umgestellt.
  • Vielleicht sogar kastriert.

Aus wissenschaftlicher Sicht summieren sich hier mehrere starke Stressoren. Jede einzelne Veränderung wäre für sich genommen verkraftbar. Gemeinsam können sie den Organismus jedoch deutlich stärker belasten. Die Empfehlung lautet deshalb: Immer nur möglichst eine große Veränderung gleichzeitig.

3. Niemals allein halten

Pferde sind Herdentiere. Das gilt besonders für Fohlen. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Einzelhaltung nach dem Absetzen zu den ungünstigsten Haltungsformen gehört.

Allein gehaltene Jungpferde zeigen häufiger

  • Unruhe,
  • vermehrtes Wiehern,
  • stereotype Verhaltensweisen,
  • geringere Futteraufnahme,
  • längere Erholungszeiten.

Selbst ein gleichaltriger Partner reduziert die Belastung deutlich. Noch günstiger sind stabile Gruppen.

4. Erwachsene Pferde sind die besten Lehrer

Einer der größten Irrtümer moderner Pferdehaltung lautet: "Fohlen sollen nur mit anderen Fohlen aufwachsen." Die Natur macht es anders. In freilebenden Herden wachsen Jungtiere in gemischten Gruppen auf. Ältere Stuten übernehmen dabei wichtige Aufgaben.

Sie

  • korrigieren übermütiges Spiel,
  • vermitteln Ruhe,
  • schützen schwächere Tiere,
  • sorgen für klare soziale Regeln.

Studien von Henry und Kollegen konnten zeigen, dass erwachsene Begleitpferde die Belastung des Absetzens deutlich reduzieren können.

5. Bewegung ist Medizin

Kaum etwas wirkt sich so positiv auf junge Pferde aus wie freie Bewegung. Sie fördert

  • Knochenentwicklung,
  • Sehnenfestigkeit,
  • Muskelaufbau,
  • Herz-Kreislauf-System,
  • Koordination,
  • Sozialverhalten.

Gleichzeitig reduziert Bewegung nachweislich Stress. Ein Fohlen, das sich auf einer großen Weide frei bewegen kann, verarbeitet Belastungen meist besser als ein Jungtier, das überwiegend in der Box steht.

6. Genügend Raufutter bereitstellen

Beim Absetzen endet nicht nur die Milchaufnahme. Auch der Verdauungstrakt muss sich vollständig auf pflanzliche Nahrung einstellen.

Deshalb empfehlen Tierärzte und Ernährungswissenschaftler:

  • hochwertiges Heu jederzeit verfügbar,
  • möglichst gleichbleibende Fütterung,
  • keine abrupten Futterwechsel,
  • ausreichend Wasser,
  • Kraftfutter nur bedarfsgerecht.

Ein stabiler Verdauungstrakt unterstützt gleichzeitig das Immunsystem.

7. Das Fohlen vor dem Absetzen selbstständig werden lassen

Die beste Vorbereitung beginnt Wochen vorher. Ein Fohlen sollte bereits gelernt haben,

  • selbstständig Heu zu fressen,
  • Wasser zu trinken,
  • kurze Zeit ohne Mutter auszukommen,
  • mit anderen Pferden soziale Beziehungen aufzubauen.

Je vertrauter diese Situationen bereits sind, desto geringer fällt der Stress der endgültigen Trennung aus.

8. Fence-Line-Weaning statt vollständiger Isolation

Eine der am besten untersuchten Methoden ist das sogenannte Fence-Line-Weaning. Dabei werden Mutter und Fohlen getrennt, können sich jedoch zunächst weiterhin sehen, hören und riechen.

Mehrere Studien zeigen, dass diese Form der Trennung häufig mit

  • weniger Wiehern,
  • weniger Laufen,
  • geringeren Herzfrequenzen,
  • schnellerer Futteraufnahme

verbunden ist als eine vollständige Trennung ohne Sichtkontakt.

Nicht jeder Betrieb kann diese Methode umsetzen. Wo sie möglich ist, gehört sie jedoch zu den schonendsten Verfahren.

9. Nicht nur das Gewicht beobachten

Viele Züchter kontrollieren nach dem Absetzen vor allem die Waage. Natürlich ist das wichtig. Mindestens ebenso bedeutsam sind jedoch Verhaltensänderungen.

Warnsignale können sein:

  • anhaltendes Zaunlaufen,
  • Appetitverlust,
  • sozialer Rückzug,
  • aggressive Reaktionen,
  • stereotype Bewegungen,
  • deutlich verminderte Spielfreude.

Gerade diese Veränderungen liefern oft früh Hinweise darauf, dass ein Fohlen mit der Situation überfordert ist.

10. Gute Aufzucht endet nicht mit dem Absetzen

Mit der Trennung beginnt die nächste Entwicklungsphase.  Auch jetzt benötigt das Jungpferd

  • stabile Sozialkontakte,
  • ausreichend Bewegung,
  • strukturierte Fütterung,
  • möglichst wenig unnötigen Stress,
  • regelmäßige Gesundheitskontrollen.

Viele spätere Eigenschaften eines Reitpferdes entwickeln sich erst in den Monaten nach dem Absetzen. Diese Zeit verdient mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie die ersten Lebenswochen.

Was bedeutet das alles für die Pferdezucht?

Die moderne Pferdezucht hat in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht.

Künstliche Besamung, Embryotransfer, ICSI, genomische Selektion und Gesundheitsprogramme ermöglichen eine nie dagewesene Präzision bei der Auswahl zukünftiger Sport- und Zuchtpferde. Doch die Forschung erinnert uns an eine einfache Wahrheit: Die beste Genetik entfaltet ihr Potenzial nur dann vollständig, wenn auch die ersten Lebensmonate stimmen.
Ein Fohlen wird nicht allein durch seine Abstammung geprägt. Es wird ebenso durch seine Mutter geprägt. Durch seine Herde. Durch Bewegung. Durch Spiel. Durch Sicherheit.
Und durch die Art und Weise, wie der Mensch diesen sensiblen Übergang begleitet.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft der aktuellen Wissenschaft: Ein gutes Pferd wird nicht erst angeritten. Es wird bereits als Fohlen geformt. Das Absetzen markiert dabei keinen Schlusspunkt der Mutter-Kind-Beziehung, sondern einen der entscheidendsten Entwicklungsschritte im Leben eines Pferdes. Wer ihn mit Geduld, Fachwissen und Respekt gestaltet, schafft Voraussetzungen, die sich oft noch Jahre später in Gesundheit, Lernfähigkeit und Gelassenheit widerspiegeln.

Die Wissenschaft liefert keine Patentrezepte und keine starre Altersgrenze. Sie zeigt jedoch mit bemerkenswerter Übereinstimmung, dass Jungpferde von einem möglichst natürlichen, sozialen und schrittweisen Übergang profitieren. Frühzeitige, abrupte Trennungen dagegen erhöhen das Risiko für Stress und können langfristige Folgen für Verhalten und Wohlbefinden haben.

Für verantwortungsbewusste Züchter bedeutet das letztlich einen Perspektivenwechsel. Nicht die Frage „Wie früh kann ich ein Fohlen absetzen?“ sollte im Mittelpunkt stehen, sondern „Wie kann ich diesem jungen Pferd den bestmöglichen Start in ein langes und gesundes Leben ermöglichen?“

FAQ

Irrtümer rund ums Absetzen

Irrtum 1: „Mit sechs Monaten braucht ein Fohlen seine Mutter nicht mehr.“

Nicht richtig.

Mit etwa sechs Monaten kann ein gesund entwickeltes Fohlen seinen Nährstoffbedarf grundsätzlich auch ohne Muttermilch decken. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Mutter für das Jungtier bedeutungslos geworden ist. Zahlreiche Studien zeigen, dass Mutter und Fohlen auch nach dem Ende der Säugezeit eine enge soziale Beziehung pflegen. Die Stute bleibt Orientierung, Schutz und Vorbild im Herdenverband.

Irrtum 2: „Wenn das Fohlen nach zwei Tagen nicht mehr ruft, ist alles gut.“

Nicht unbedingt.

Wiehern und Suchverhalten sind nur die sichtbarsten Stressreaktionen. Herzfrequenz, Cortisolspiegel oder Veränderungen im Darmmikrobiom lassen sich mit bloßem Auge nicht erkennen. Ein scheinbar ruhiges Fohlen kann physiologisch weiterhin unter erheblichem Stress stehen.

Irrtum 3: „Frühes Absetzen macht Fohlen selbstständig.“

Die Forschung spricht eher dagegen.

Selbstständigkeit entsteht nicht durch den Entzug von Sicherheit, sondern durch eine sichere Bindung, von der aus junge Tiere ihre Umwelt erkunden können. Dieses Prinzip ist aus der Humanpsychologie als „Secure Base Effect“ bekannt und wird zunehmend auch für Pferde beschrieben.

Irrtum 4: „Je früher das Fohlen lernt, allein zu sein, desto besser.“

Nicht belegt.

Fohlen lernen in erster Linie von anderen Pferden. Frühe soziale Isolation verbessert weder Lernfähigkeit noch Gelassenheit. Im Gegenteil: Fehlende Sozialkontakte gelten als wichtiger Risikofaktor für spätere Verhaltensauffälligkeiten.

Irrtum 5: „Das haben wir immer schon so gemacht.“

Traditionen verdienen Respekt. Gleichzeitig entwickelt sich wissenschaftliches Wissen weiter. Viele heute selbstverständliche Maßnahmen der Pferdehaltung – etwa regelmäßige Zahnkontrollen, moderne Impfprogramme oder die Bedeutung von Bewegung für die Gelenkentwicklung – waren vor wenigen Jahrzehnten ebenfalls keineswegs allgemein anerkannt.

Auch beim Absetzen wächst das Wissen kontinuierlich. Moderne Empfehlungen beruhen heute auf Verhaltensforschung, Physiologie und Veterinärmedizin statt ausschließlich auf langjähriger Praxis.

Checkliste:

Ist mein Fohlen bereit für das Absetzen?

Diese Fragen können Züchterinnen und Züchter vor dem Absetzen kritisch prüfen:

Gesundheit

  • Das Fohlen ist gesund und fieberfrei.
  • Es frisst zuverlässig Heu und Kraftfutter.
  • Es trinkt selbstständig ausreichend Wasser.
  • Die Gewichtsentwicklung ist altersgerecht.

Entwicklung

  • Das Fohlen bewegt sich sicher in der Herde.
  • Es zeigt normales Spielverhalten.
  • Es hat Kontakte zu anderen Jungpferden.
  • Es kennt ruhige erwachsene Pferde.

Management

  • Kein geplanter Transport unmittelbar nach dem Absetzen.
  • Kein Stallwechsel am selben Tag.
  • Keine geplante Kastration oder größere tierärztliche Eingriffe.
  • Keine abrupte Futterumstellung.

Haltung

  • Ausreichend Platz für Bewegung vorhanden.
  • Dauerhafter Sozialkontakt zu anderen Pferden.
  • Hochwertiges Heu ständig verfügbar.
  • Stressarme Eingewöhnung in die neue Gruppe möglich.

Je mehr dieser Punkte erfüllt sind, desto besser sind die Voraussetzungen für einen möglichst schonenden Übergang in die Selbstständigkeit.

Die wichtigsten Studien im Überblick

1. Henry S. et al. (2020)

Domestic Foal Weaning: Need for Re-Thinking Breeding Practices?
Henry S., Sigurjónsdóttir H., Klapper A., Joubert J., Montier G., Hausberger M.
Diese Übersichtsarbeit gilt derzeit als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Absetzen von Fohlen. Die Autoren zeigen, dass künstliches Absetzen meist zwischen dem 4. und 7. Lebensmonat erfolgt, während natürliches Absetzen häufig erst mit 9–10 Monaten stattfindet. Zudem wird erläutert, weshalb viele heutige Absetzpraktiken aus Sicht des Tierwohls überdacht werden sollten.
DOI: 10.3390/ani10020361

Originalartikel (Open Access):
MDPI – Domestic Foal Weaning: Need for Re-Thinking Breeding Practices?

PubMed Central:
PMC-Version des Artikels

2. Waran N., McGreevy P., Casey R. et al.

Waran und Kollegen veröffentlichten mehrere Übersichtsarbeiten über das Verhalten von Fohlen beim Absetzen. Sie zeigen übereinstimmend, dass nicht allein die Trennung von der Mutter, sondern vor allem die Kombination mehrerer Stressoren – Trennung, Transport, Stallwechsel und neue soziale Gruppen – die Belastung deutlich erhöht.

Diese Erkenntnisse werden auch in der Übersichtsarbeit von Henry et al. zusammengefasst und diskutiert.

3. Lansade L. et al. (2018)

Progressive habituation to separation alleviates the negative effects of weaning in the mother and foal

Lansade L., Foury A., Reigner F. et al.

Diese Studie verglich das klassische abrupte Absetzen mit einer schrittweisen Gewöhnung an die Trennung (Fence-Line-Weaning). Das Ergebnis:

  • geringere Cortisolwerte
  • weniger Wiehern
  • weniger Stressverhalten
  • langfristig neugierigere und weniger ängstliche Fohlen
  • Unterschiede sogar auf Ebene der Genexpression und Telomerlänge

DOI: 10.1016/j.psyneuen.2018.07.005
Originalartikel:
ScienceDirect – Progressive habituation to separation alleviates the negative effects of weaning in the mother and foal

4. Waters A.J., Nicol C.J., French N.P. (2002)

Factors influencing the development of stereotypic and redirected behaviours in young horses

Diese Langzeitstudie untersuchte die Entstehung stereotyper Verhaltensweisen wie Koppen oder Weben. Das Risiko war besonders hoch bei Jungpferden, die unter ungünstigen Haltungsbedingungen mit frühem Absetzen, wenig Sozialkontakt und eingeschränkter Bewegung aufwuchsen.

DOI: 10.1016/S0168-1591(02)00053-5
PubMed:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12357996/

5. Epigenetik und frühkindlicher Stress

Lansade L. et al. (2018)

Progressive habituation to separation alleviates the negative effects of weaning in the mother and foal

Diese Arbeit ist derzeit eine der wichtigsten Studien zu den biologischen Auswirkungen verschiedener Absetzmethoden. Neben Verhalten und Cortisol untersuchten die Autoren auch Marker, die mit langfristigen biologischen Anpassungen in Zusammenhang stehen. Sie liefert wertvolle Hinweise darauf, dass die Art des Absetzens nachhaltige Auswirkungen haben kann.

DOI: 10.1016/j.psyneuen.2018.07.005

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30005282/

6. Entwicklung des Gehirns und Lernverhalten

Henry S. et al. (2020)

Domestic Foal Weaning: Need for Re-Thinking Breeding Practices?

Diese Übersichtsarbeit fasst den aktuellen Wissensstand zu Mutter-Kind-Bindung, Sozialentwicklung, Lernen und den Auswirkungen verschiedener Absetzmethoden zusammen. Sie gilt als eine der umfassendsten Referenzen zum Thema.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32102206/

7. Empfehlungen der BEVA

Die British Equine Veterinary Association (BEVA) Journals veröffentlichen zahlreiche peer-reviewte Arbeiten zu Fohlenaufzucht, Verhalten und Orthopädie. Besonders die Studien von Henry, van Weeren und Barneveld erscheinen dort bzw. in enger Zusammenarbeit mit der Fachgesellschaft.

https://beva.onlinelibrary.wiley.com/

8. Empfehlungen der International Society for Equitation Science (ISES)

Die International Society for Equitation Science (ISES) entwickelt wissenschaftlich fundierte Leitlinien für pferdegerechte Haltung, Ausbildung und den Umgang mit Pferden. Besonders bekannt sind die „10 Training Principles“, die auf Erkenntnissen der Lernpsychologie, Verhaltensbiologie und Pferdeethologie basieren. Ergänzend veröffentlicht die ISES evidenzbasierte Positionspapiere zu Themen wie Sozialkontakt, Training, Dominanzkonzepten, aversiven Hilfsmitteln und Pferdewohl.

https://www.equitationscience.com/ises-training-principles